Never Walk Alone: Chaos bei einem Fußballspiel in Peru und wie man damit klarkommt

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In Peru gilt: Um seine Ziele zu erreichen, muss man mit dem Flow gehen, oft im wahrsten Sinne des Wortes. Nirgendwo lernt man das besser als beim Besuch eines Fußballspiels. Und ich durfte das persönlich und auf die beste denkbare Weise erfahren.

Es war Februar 2022, wenige Wochen nachdem ich nach Lima gezogen war, die wilde Hoffnung aufs große Glück und nicht mehr als ein Dutzend Duolingo-Lektionen Spanisch im Gepäck.

Es waren noch drei Spiele in den Eliminatorias der Südamerika-Qualifikation zu spielen, und Peru hatte noch die Chance, sich einen Platz beim Turnier in Katar später im Jahr zu sichern. Es stand also einiges auf dem Spiel, und wie durch ein Wunder hatte ich online eines der extrem begehrten Tickets ergattert – obwohl ich kaum ein Wort auf der Website verstand.

Am Tag des Spiels war ich auf dem Weg, meine neue Bekannte Rafaella  zu treffen, die mir angeboten hatte, mich zum Stadion zu bringen. „Du wirst die Hilfe brauchen, Mann. 

Doch kurz bevor ich an ihrer Wohnung in Miraflores ankam, sah ich mich mit einem Party-Mob und einem Meerschweinchen konfrontiert. Das peruanische Team war in einem Hotel direkt ums Eck untergebracht, und sein Maskottchen, ein Meerschweinchen mit dem fantasievollen Namen „El Cuy („Das Meerschweinchen) trieb die Fans auf der Straße in den rot-weiß-roten Wahnsinn.

Ich manövrierte mich durch die Massen und erreichte schließlich Rafas Wohnung, nur um mit der Frage begrüßt zu werden, ob ich wohl ein braver Bürger gewesen sei und mein digitales Ticket ausgedruckt habe. Die Antwort: Natürlich nicht, wer denkt schon an sowas, und schon waren wir unterwegs, stramme drei Stunden vor dem Kickoff, zunächst zu einem der vielen Copyshops in der Nähe, die in Peru nach wie vor ein großes Ding sind, und dann Richtung Stadion.

Wir wollten mit dem notorisch überfüllten Metropolitano fahren, der wichtigsten Ader des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt, aber logo, es brauchte natürlich Münzen, um sich ein Ticket zu besorgen, und an die kam man nur auf einem Weg: Man kaufte einen Snack in irgendeinem Shop in der Umgebung und betete, dass man passendes Wechselgeld bekommen würde.

Die Gebete wurden erhört, und ein paar atemlose Stationen später machten wir uns daran, die letzten Meter zum Stadion zu Fuß zurückzulegen. Limas Estadio Nacional liegt mitten in einem Wohnbezirk im Stadtzentrum, und die Straßen im Umkreis von einem Kilometer ums Stadion waren brechend voll mit Straßenhändlern, Parrilllas (Grills), auf denen Anticuchos (Spieße mit Rinderherzen) brutzelten, und unzähligen Menschen, die den wertvollen Service anboten, digitale Tickets auszudrucken. If you know, you know.

Wir hatten uns gerade zum korrekten Eingangstor durchgekämpft, als das komplette Remmidemmi der vergangenen Stunde sich plötzlich anfühlte wie ein gechillter Nachmittag im Park. Die berittene Stadtpolizei hielt es aus unerfindlichen Gründen für eine gute Idee, auf ihren Pferden direkt durch die Menschen zu patrouillieren, um für Ordnung zu sorgen. Die Wärter hatten darauf sichtlich gar keine Lust und begannen, das Tor zu schließen – während nach wie vor Menschen in den Innenraum drängten. 

Ich war bereit, hinzuschmeißen und mir das Spiel im TV anzusehen, doch das Leben in Lima hatte Rafaella beigebracht, dass es in solchen Situation nur einen Weg gab: „Drängel einfach immer weiter, und bleib bloß nicht stehen. Genau wie die Wärter sozusagen, die ihrerseits von ihrem Plan nicht abließen. Wir quetschten uns so eben noch am sich schließenden Tor vorbei und waren drinnen.

Doch nur einer von uns hatte ein Ticket.

Aber Rafa hatte die Nase voll von der Action des Tages. Sie war happy damit, nach Hause zu gehen, und ich hatte ein Spiel anzuschauen, für das ich mit Sicherheit zu viel bezahlt hatte, obendrein beinahe mit meiner Gesundheit. Das Spiel endete 1:1, und obwohl ich mich daran erinnere, dass die Crowd komplett durchdrehte, als Edison „Orejas Flores in der 69. Minute den Treffer zum Ausgleich erzielte, sind meine Erinnerungen an das Drumherum viel stärker.

Sie sollten sich auch als nachhaltiger erweisen. Peru beendete die Eliminatorias auf dem fünften Platz (mit dem einen Punkt Vorsprung, den sie an diesem Tag verteidigt hatten), nur um im Elfmeterschießen der interkontinentalen Qualifikation gegen Australien auszuscheiden und die WM auf den denkbar letzten Drücker doch noch zu verpassen. Ich meinerseits bin heute stolzer Besitzer einer aufladbaren Karte für den Metropolitano, hab gedrängelt und gepusht, um in Lima leben zu dürfen, und Rafa ist nach wie vor eine enge Freundin. 

Ein Spiel haben wir immer noch nicht zusammen besucht.