Der Sommer, in dem Österreich Italien adoptierte

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Österreich hatte sich für die WM 2006 nicht qualifiziert. Das hielt uns allerdings längst nicht davon ab, so zu tun, als wäre es trotzdem unser Turnier.

Das Schöne an einer Weltmeisterschaft in Österreich ist: Wenn unsere Nationalmannschaft nicht dabei ist, suchen wir uns einfach eine neue. Plötzlich werden aus völlig normalen Menschen selbsternannte Fußball-Expert*innen.

In jenem Sommer fiel die Wahl leicht auf Italien – und das keineswegs zufällig. Für viele Österreicher*inn bedeutet Italien Gelato, Adria, Espresso an der Bar und die Erinnerung an lange Sommerurlaube. Gleichzeitig gehört es fast schon zur österreichischen Tradition, über Mautgebühren, den Stau am Brenner und den italienischen Fahrstil zu schimpfen. Umso amüsanter war es zu beobachten, wie sich diese vertraute Mischung aus Zuneigung und genervtem Augenrollen innerhalb kürzester Zeit in leidenschaftliche Unterstützung verwandelte. Sobald die Hymne erklang, gehörte die Squadra Azzurra plötzlich zur erweiterten Familia.

Österreich hatte Italien adoptiert – und wie bei vielen derartigen Adoptionen ging alles erstaunlich schnell. Zuerst schaut man ein paar Spiele. Dann lernt man die Namen der Spieler. Und ehe man sich versieht, diskutiert man über Aufstellungen, als säße man selbst auf der Trainerbank.

Plötzlich sprachen Menschen über italienische Taktiken, als hätten sie ihre Jugend in Turin verbracht. Freund*innen analysierten die Stärken und Schwächen der italienischen Nationalmannschaft mit der Selbstverständlichkeit von TV-Expert*innen, während mein Vater über Aufstellungen, Form und Spielsysteme sprach, als würde ihn Marcello Lippi regelmäßig um Rat fragen.

Innerhalb weniger Wochen waren wir offenbar alle zu Kenner*innen des italienischen Fußballs geworden. Während alle anderen über Taktiken diskutierten, war ich insgeheim überzeugt, dass ein Land, das für Dolce & Gabbana, Aperitivo und die Amalfiküste verantwortlich ist, eigentlich gute Chancen auf den Weltmeistertitel haben musste. Dass die Trikots dabei auch noch verdächtig stylish aussahen, schadete der Sache jedenfalls nicht.

Erst im Finale – und ironischerweise ausgerechnet in Italien – wurde mir bewusst, wie weit diese Adoption inzwischen gegangen war. Ich war mit Freunden auf Urlaub, irgendwo zwischen Meeresluft, Aperol Spritz und italienischen Sommerabenden, die jedes Zeitgefühl vergessen ließen.

Doch je näher das Finale rückte, desto mehr drehte sich alles um dieses eine Spiel. Auf dem Weg zu einer Bar fragte ich mich, ob wir an diesem Abend wohl nur Gäst*innen auf einer fremden Siegesfeier sein würden.

Als wir schließlich ankamen, war schnell klar: Einen Sitzplatz zu ergattern dürfte fast schwieriger werden als eine Karte für das Finale selbst. Die Menschen drängten sich bis auf den Gehsteig hinaus, quetschten sich an die Bar und standen dicht vor den Fenstern. Es fühlte sich an, als hätte ganz Italien beschlossen, den Abend genau hier zu verbringen. 

Immer wieder wanderten die Blicke zum Fernseher. Es fühlte sich an, als würden alle gemeinsam den Atem anhalten. Was mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist, war allerdings nicht die Spannung, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die Italiener*innen unsere Unterstützung annahmen. Natürlich fieberten wir mit. Natürlich waren wir für Italien. Wie sollte es auch anders sein?

Niemand fragte, woher wir kamen. Wenn überhaupt, schien man ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass wir dazugehörten. Um uns herum wurde lebhaft auf Italienisch diskutiert, wild in Richtung Fernseher gestikuliert – und offenbar kam niemand auf die Idee, dass wir vielleicht gar kein Wort verstehen konnten.

Nach einer vergebenen Torchance riss der Mann neben mir die Arme in die Höhe und legte auf Italienisch lautstark los. Ich lächelte, zuckte mit den Schultern und lachte. Er lachte ebenfalls, klopfte mir auf die Schulter und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Von diesem Moment an fühlte es sich an, als würden wir gemeinsam mitfiebern.

Als das Spiel begann, richteten sich Hunderte Augen auf denselben Bildschirm. Wir waren keine Italiener. Aber nach Wochen, in denen wir „Forza Italia“ gerufen hatten, fühlte sich das wie eine bloße Formalität an.

Mit jeder Torchance schien für einen Moment alles stillzustehen, auf jede vergebene Gelegenheit folgte ein kollektives Stöhnen. Über jede Szene wurde diskutiert, über jede Schiedsrichterentscheidung der Kopf geschüttelt – als hätte man nie etwas anderes getan.

Dann kam Zidanes Kopfstoß. Für einen Moment war es, als hätte jemand die Zeit angehalten. Alle starrten auf den Bildschirm. Dann blickten die Menschen einander an – mit offenem Mund und diesem seltenen Gesichtsausdruck, der fragt: Hast du das gerade auch gesehen? Alle versuchten, die Szene irgendwie einzuordnen. Niemand schaffte es. Und genau deshalb redeten plötzlich alle gleichzeitig.

Als das Spiel in die Verlängerung und schließlich ins Elfmeterschießen ging, wurde die Spannung beinahe unerträglich. Biergläser blieben unangetastet auf den Tischen stehen, Gespräche verstummten, und selbst die Kellner*innen schienen sich mehr für den Fernseher als für ihre Gäst*innen zu interessieren. Als Fabio Grosso zum letzten Elfmeter für Italien anlief, hielten wir alle den Atem an.

In dem Moment, als der Ball im Netz landete, explodierte die Bar. Alle sprangen auf die Beine. Fremde fielen einander in die Arme. Noch bevor die Pokalübergabe begonnen hatte, waren draußen schon Hupen zu hören. Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Feier auf die Straßen verlagert. Fahnen wurden geschwenkt und irgendwo schien immer gerade jemand die nächste Flasche zu öffnen.

Und wir standen mittendrin. Nicht als Italiener*innen. Vermutlich fehlten uns sowohl ihr Talent für Fußball als auch ihre bemerkenswerte Fähigkeit, drei Gespräche gleichzeitig mit den Händen zu führen. Doch für diesen einen Abend spielte das keine Rolle.

Wenn ich heute an die Weltmeisterschaft 2006 denke, denke ich nicht zuerst an das Ergebnis, die Statistiken oder den Pokal. Ich denke an eine überfüllte Bar in Italien – an die Hitze, den Lärm und Menschen, die einander in den Armen lagen, als hätten sie selbst den entscheidenden Elfmeter geschossen. Ich denke daran, wie ich die Bar betreten habe, fest davon überzeugt, mich wie eine Fremde zu fühlen – und sie verlassen habe, ohne genau sagen zu können, wann dieses Gefühl verschwunden war.

Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass Zugehörigkeit manchmal erstaunlich wenig damit zu tun hat, woher man kommt, sondern vielmehr davon abhängt, denselben Moment zu teilen. Den ganzen Sommer über hatten wir scherzhaft behauptet, Österreich hätte Italien adoptiert. Rückblickend glaube ich, das Gefühl beruhte tatsächlich auf Gegenseitigkeit.